Vereinbarkeit: Der Feind in meinem Bett

In den letzten Wochen muss ich sehr intensiv an eine Frau denken, die ich heute besonders bewundere. Eine Frau, die auf den ersten Blick nicht emanzipiert zu sein scheint. Und doch, so wird mir heute klar, ist sie es. Auf eine unaufgeregte Art und Weise ist sie ihren Weg gegangen und macht mir damit heute viel Mut.

Vor etwa 40 Jahren ging ihre Ehe zu Bruch. Man ahnt, dass man sich damals nicht einfach so scheiden ließ. Die Scheidung hatte ihren Grund und irgendwie bekam sie alleinerziehend ihren Job und ihren Sohn unter einen Hut.

Schnitt.

Viele Jahre später lebt sie mit ihrem zweiten Mann und drei weiteren Kindern in einer Doppelhaushälfte. Ihr Mann verlässt morgens gegen halb acht das Haus und ist abends um 17 Uhr wieder da. Zum Mittagessen, das sie frisch zubereitet, kommt er jeden Tag um Punkt halb eins nach Hause. Samstags verbringt er meistens bis zum späten Nachmittag draußen, es gibt viel zu tun rund ums Haus und vor allem im großen (Nutz-)Garten. Die vier Kinder packen fleißig mit an und dennoch ist sie voll beschäftigt. Es gibt wenig Pausen und von einem Latte-Macchiato auf dem Spielplatz mit anderen Müttern ist sie soweit entfernt wie von einem 14-tägigen Wellness-Urlaub inklusive Kinderbetreuung. Keiner von beiden pflegt zeitintensivere Hobbys, was sie tun dient der Familie.

Die jüngste Tochter ist neun als sie sich wieder auf eine Erzieher-Stelle bewirbt und diese bekommt: Gruppenleitung in Vollzeit. Es stellt die Familie auf den Kopf, die Arbeit zuhause wird nicht weniger und muss neben den zusätzlich 37,5 Stunden Erwerbstätigkeit erledigt werden. Durch ihren Einsatz wird sie stellvertretende Kindergartenleitung. Als die Leitung neu vergeben und sie dabei übergangen wird, zieht sie ihre Konsequenzen und kündigt. Mit über 50 packt sie nochmal neu an, bewirbt sich, scheitert, bewirbt sich neu. Findet einen Job, leidet dort unter der Atmosphäre. Bewirbt sich wieder neu, gewinnt. Die Kinder sind längst alle aus dem Haus, sie und er haben sich mittlerweile gut arrangiert. Eine Putzfrau unterstützt (sie) einmal in der Woche, den Rest machen beide nach wie vor allein.

Sie müsste nicht arbeiten, das Geld reicht auch so. Doch sie will. Sie denkt an ihre Rente und will unbedingt noch Rentenpunkte sammeln. Zudem erfüllt sie die Arbeit. Als ihr Mann in Altersteilzeit geht, erwartet er, dass auch sie reduziert. Doch das tut sie nicht. Es wird diskutiert und nicht immer sind beide einer Meinung, was den nun geltenden Tagesablauf angeht. Er ist es nicht gewohnt, allein zuhause zu sein. Auch nicht, die Spülmaschine ausräumen oder mal kochen zu müssen. Sie muss ihm das sagen, dass sie das nun erwartet. Es werden nicht immer leichte, durch und durch harmonische Gespräche gewesen sein. Nicht böse, aber vielleicht hatte er sich das mal anders vorgestellt. Sie hält das aus, mutet ihm das zu. Sie arbeitet, bis sie regulär in Rente geht. Sie würde alles wieder ganz genau so machen, sagt sie heute.

Ich bewundere sehr, wie sie ihren Weg gegangen ist. Klar war sie zwischenzeitlich mal unzufrieden. Denn dieses Leben zuhause ist Gold wert und dennoch gibt es dafür keine Währung. Egal auf welcher Station ihres Lebens, sie hat das Ding konsequent durchgezogen. Und sie hat sich nicht davon irritieren lassen, dass ihr Mann manchmal nicht damit einverstanden war. Sie hat sich auch nicht davon beeindrucken lassen, dass man nach über 14 Jahren Jobpause keinen Job mehr bekommt. Oder davon, dass man mit vier Kindern keinen Job bekommt. Oder dass man mit über 50 keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt hat. Auch nicht von eingefahrenen Mustern zuhause. Das alles ist ihr begegnet, war ihr aber kein Hindernis. Die beiden haben es geschafft. Nicht alles gleichzeitig und doch war alles da.

Ich weiß, heute ist das alles viel komplizierter. Aber warum eigentlich?

Ich fange an zu zweifeln. Lassen wir mal alle möglichen Lösungsansätze für eine perfekte Vereinbarkeit außen vor und klären doch zunächst einmal, was Vereinbarkeit überhaupt bedeutet. Hab‘ nur ich das Gefühl, dass suggeriert wird, gelungene Vereinbarkeit findet nur dann statt, wenn mindestens zwei Karriere machen und das Familienleben entspannt läuft? Und bei Karriere denken wir da an Eckbüro, Firmenwagen, viel Geld und mächtig viel Verantwortung? Liege ich so falsch, wenn Vereinbarkeit für mich bedeutet: Das Familienleben läuft und alle sind (einigermaßen) zufrieden.

Vereinbarkeit scheint keine Familienfrage mehr zu sein, sondern dahinter steht in Großbuchstaben: „Wo bleib ich?“ Vereinbarkeit ist ein Kampf geworden. Ein politischer und privater Kampf. Und mir scheint, teilweise macht er Menschen, die eigentlich zusammenhalten sollten, zu Feinden. Als läge das größte Problem bezüglich der Vereinbarkeit manchmal neben einem im Bett. Viele Artikel hetzen gegeneinander auf statt Ansätze zu liefern, wie man gemeinsam! eine Lösung finden kann. Denn die Frage: „Wo blieb ich?“ ist ja berechtigt. Und Altersarmut ist kein Märchen mit Happy End.

Es darf nicht sein, dass Familie nur dann funktioniert, wenn die Frau auf alles verzichtet, während der Mann so weitermachen kann wie bisher. Es gibt viele Wege, wie Familien das lösen können. Was ich in der ganzen Debatte vermisse, ist Toleranz und das Bewusstsein, dass Vereinbarkeit bunt sein kann.

Wenn ich auf einen wirklich kluge Fragen stellenden Artikel wie Viele Grüße aus der Teilzeit-Falle einen Kommentar von einer Frau lese, dass man an manchen Tagen die Frauen beneide, die sich aussuchen können, ob und wie viel Teilzeit sie arbeiten können / wollen. Frauen, die mitten in der Woche zum Yoga gehen oder nachmittags mit Freundinnen im Café sitzen… dann könnte ich aus der Haut fahren. Muss das sein?

Vielleicht funktioniert Vereinbarkeit für Familie A 50:50. Für Familie B vielleicht 100:0. Auch das kann richtig sein und muss nicht zwangsläufig mit „Ausbeute“ für sie verbunden sein. Im Finanztipp stand vor kurzem, dass es beispielsweise denkbar sei, dass er eine Rentenversicherung für sie abschließt, in die er einzahlt. Auch über eine Trennung hinaus. Auch eine Möglichkeit. Why not?

Zwischen dem normalen Alltagswahnsinn, vielen Zwischenmenschlichkeiten und der Jagd nach Vereinbarkeit ist meine Ehe irgendwo unterwegs auf der Strecke geblieben. Interessanterweise funktioniert Vereinbarkeit jetzt gut. Wir sprechen uns ab, können auch mal flexibel reagieren, wenn ein anderer beruflich gerade was hat. Vereinbarkeit geht also auch über die Trennung hinaus. Wenn man will.

All meine Gedanken dazu sollen weder die Politik noch die Unternehmen freisprechen. Kinder haben ist nicht mehr natürlich. Es ist ein Luxus. Ein Luxus, für den man sich selbst entschieden hat und von dem völlig vergessen wird, dass er durchaus die Zukunft aller sichert. Eine Zeit, in der Frauen in Bewerbungsverfahren mehr Erfolg haben, wenn sie ihre Kinder verschweigen und Männer nicht gefragt werden, wie sie das eigentlich mit der Kinderbetreuung machen, hat gesellschaftlich noch viel aufzuholen, wohl wahr.

Ich bin nicht der Meinung, Vereinbarkeit ist ein rein familiäres Problem. Aber nur der Ausbau von Kinderbetreuung hilft immer noch nicht den Familien, in denen es kein Bewusstsein dafür gibt, dass Vereinbarkeit dynamisch sein sollte. Dass das bedeuten kann, dass vielleicht mal jeder seine Zeit hat, vielleicht nicht immer gleichzeitig.

Heute wollen wir alles. Sofort und vor allem gleichzeitig. Durch Werbung und Debatten frei nach dem Motto „Du musst dich nur mehr anstrengen“ wird uns auch ständig suggeriert, dass das geht. Mehr noch, dass wir einen regelrechten Anspruch darauf haben. Nur leider stimmt das nicht mit der Realität überein. Und das macht Vereinbarkeit so wahnsinnig frustrierend. Und irgendwie auch ungreifbar.

Ich würde ja ein Fazit unter meine vielen Worte ziehen. Aber ich weiß es doch auch nicht.

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Der vierte Mann

Anmerkung: Der folgende Text kann gegebenenfalls triggern. #häuslicheGewalt

Mann Nr. 4 lernte sie im Entzug kennen. Zwischen Bastel- und Selbsthilfegruppe muss es zwischen Ihnen gefunkt haben. Vielleicht war es auch nur die Perspektivlosigkeit, die die beiden miteinander verband. Eine, die entsteht, wenn man dem Alkohol vollkommen verfallen ist und daraus resultierend Fehler macht. Fehler, die man nicht wieder gut machen kann. Fehler, bei denen Menschen und Beziehungen zu Schaden gekommen sind. Kleine, schutzbedürftige Menschen wie die eigenen Kinder. Vielleicht war es aber auch tatsächlich der Wille, etwas besser machen zu wollen als das, was beide in der Vergangenheit geleistet hatten. Eine Vergangenheit, die sich größtenteils ihrer Erinnerung entzieht, weil diese zu weiten Teilen vernebelt stattgefunden hatte. Und irgendwie auch ohne sie.

Ach, die Vergangenheit. Wie lange trank sie bereits? Seit sie 20 war? Wer weiß das schon. Ihre drei Kinder werden später – viel später – darüber reden, was jeder von ihnen so erlebt hat, als Sohn, als Tochter einer alkoholkranken Mutter. Gruselige Geschichten und Abgründe tun sich da auf. Erinnerungsfetzen, die vermutlich in ihrer Detailtiefe und -breite gnädig sind und dennoch unvorstellbar. Weiß sie noch, dass sie ihre zwei kleinen Kinder sich selbst überlassen hatte, während sie sich dem Alkohol überließ? Erinnert sie sich noch daran, dass ihr erster Mann von der Dienstreise kam und seine beiden kleinen Kinder völligst vernachlässigt vorfand? Wund war die Kleine und dehydriert. Gegessen hatten die beiden vermutlich auch schon länger nichts mehr. Es gibt da diese Szene, an die sich der große Bruder später erinnern wird. Eine Szene, in der er vor dem Bettchen seiner kleinen Schwester steht und ihr durch die Gitter versucht, Wasser zu reichen. Der große Bruder war selbst noch ein Kleinkind. All das ist schon lange her zum Zeitpunkt des Entzugs. Es ist nicht der erste, nein, sicher nicht. Aber diesen macht sie aufgrund der Auflage des Jugendamts. Des Jugendamtes, das sich um Kind 3 kümmert. Jenes, welches sie nie hat haben wollen und das ein Unfall gewesen war und das sie dennoch glaubte, zu lieben. Die zwei Großen hatte sie längst verloren. An Heim und Pflegefamilie. Aber vor allem psychisch. Aber Kind 3 – eine Tochter – da steckte Hoffnung drin. Und so offenbarte sie der sechsjährigen Tochter, dass sie einen Mann kennengelernt und nach dem Entzug mit ihm zusammen leben würde. Und sie versprach ihrer Tochter, nie wieder zu trinken. Tochter 3 war sehr loyal. Sie glaubte ihr und weinte vor Freude am Telefon. Sie wollte ihr glauben, sie wollte es so sehr. Und sie verstand nicht, warum die großen und schon viel älteren Geschwister so wahnsinnig zornig auf ihre Mutter waren.

An einem Besuchswochenende – heutzutage ist es fast unvorstellbar, das dies überhaupt noch möglich war, ohne Aufsicht, ohne Kontrolle, eine ganzes Wochenende, man stelle sich das einmal vor – schlief Tochter 3 im großen Ehebett. Sie hatte Fieber, zumindest ist es das, woran sie sich erinnert, das es ihr erzählt wurde. Als sie aufwachte, war es gefühlt mitten in der Nacht. Sie war allein im Bett und in der Wohnung war Lärm. Kein Partylärm. Es war ein aggressiver Lärm, laut und krachend. Sie hatte Angst. Die Schlafzimmertür stand einen Spalt weit auf und sie sah, dass sich ihre Mutter mit Mann Nr. 4 stritt. Genau genommen sah sie, wie er sie gegen die Wand warf und schlug. Leise schlich sie wieder zurück ins Bett und schlief irgendwie ein.

So viel Angst sie in der Nacht hatte, so mutig sprach sie am nächsten Tag die beiden Erwachsenen auf die Situation an, schilderte, was sie gesehen hatte. Beide beteuerten, dass das nicht wahr sei. Sie hätte nur geträumt. Und das könne auch gar nicht sein, schließlich war er die ganze Nacht beim Angeln. Als Beweis zeigten sie ihr einen Eimer voller Fische. Das müsse das Fieber gewesen sein. Bis heute weiß die erwachsene Tochter 3 nicht, was tatsächlich in der Nacht geschehen ist. Viel schlimmer noch, sie traut ihrer eigenen Erinnerung nicht. War es ein böser Traum? Oder hat sie das tatsächlich gesehen? Und wenn es ein böser Traum war, wie kann eine Sechsjährige überhaupt von so etwas träumen? Ist es für eine Sechsjährige nicht eher unvorstellbar? Von all der Vernachlässigung, von all den Lügen, von all dem Elend ist das fast eines der schlimmsten Dinge, die ihr die Mutter angetan hat. Sie hat sie ihrer Wahrnehmung beraubt. Wie sollte sie sich jemals ihrer Erinnerungen sicher sein? Später wird es viel Arbeit erfordern, in diese Unsicherheit wieder Stabilität zu bringen.

So oder so – Mann Nr. 4 war kein guter Mann. Er trank schon sehr bald wieder nach dem Entzug und dessen ist sich die Tochter sicher. Denn als sie mit ihm im Auto saß und er die Flasche Korn aus der Seitentasche zog, hatte sie kein Fieber. Sie fragte, was das sei und er antwortete: „Medizin“. Aber sie wusste, er lügt. Viel zu oft hatte sie sämtliche Flaschen der Mutter verstecken müssen, wenn es klingelte, sie wusste sehr genau, was Alkohol war.

Mann Nr. 4 war ihr unsympatisch, aus vielerlei Gründen. Und dennoch gibt es da diese Situation, in der sie gemeinsam mit ihm in der Badewanne sitzt. Er auf der einen Seite, sie auf der anderen Seite. Über der Badewanne hing ein Boiler, einer, durch den man eine kleine Flamme sehen kann. Das macht ihr Angst. Er streckt die Arme aus, sagt wiederholt: „Komm her.“ Aber sie schüttelt immer wieder den Kopf. Schaut auf die Flamme, schaut zwischen seine Beine, weigert sich.

Als die immer wieder verprügelte Mutter ihrer Tochter am Telefon erzählt, dass sie Mann Nr. 4 heiraten wird, wird ihre kleine Tochter zum ersten Mal zornig. Mit ihren sechs Jahren bricht sie den Kontakt ab, weigert sich, ihre Mutter zu besuchen und obwohl Jugendamt und Pflegemutter versuchen, zu vermitteln, weigert sie sich, der Hochzeit beizuwohnen. Es ist ihre Form des Ausdrucks. Ihre Form zu sagen: „Du machst einen riesen großen Fehler.“ Als sie später ihre eigene Jugendamtsakte liest, ist sie schwer beeindruckt von diesem Kind, das sie selbst gewesen ist. Wie stark sie war. Wahnsinn. Und sie hat recht gehabt, die Ehe hält nicht lang. Es wird der letzte eheliche Versuch bleiben.

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Vor zwei Wochen wurde meine Mutter, zu der ich keinen Kontakt mehr pflege, 71 Jahre alt. Ihr Geburtstag ist fest in meinem Kopf verankert und so denke ich jedes Jahr daran. Über 17 Jahre habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr – aus guten Gründen. Dennoch denke ich häufig an sie, zwangsläufig, weil mir viele Erinerungen immer wieder durch den Kopf gehen. Mittlerweile sind diese nur noch selten schwer, es sind Geschichten, die ich mit großem Erstaunen über dieses Leben und seine Schicksale durchlaufe. Es gibt Hinweise darauf, dass sie mittlerweile in einem Pflegeheim ist, aufgrund ihres Lebenswandels nicht verwunderlich. Ich frage mich, was von ihr übrig ist oder ob der Alkohol ihr jeglichen Verstand geraubt hat. Wie betrachtet sie rückblickend ihr Leben, das was sie getan hat, das was sie unterlassen hat? Was glaubt sie, was ihre Kinder über sie denken? Was würde sie ihren Kindern noch sagen wollen, wenn sie die Chance dazu hätte? Ist das überhaupt ein Thema für sie? Und ich frage mich: Wozu war das alles gut? So ein verschwendetes Leben. Da waren so viele kleine Schräublein, an die man hätte drehen können, um etwas zu ändern.

Ich rechne jeden Tag mit der Nachricht ihres Todes und es tut mir wahnsinnig leid, dass wir nur einen kurzen Weg in diesem Leben gemeinsam gehen konnten. Ich hätte sie so sehr gebraucht. Aber davon abgesehen hatte sie auch ganz großartige Seiten: Sie war sehr intelligent und hatte einen tollen Humor. Sie wusste sich zu inszenieren und hatte dazu noch eine wahnsinnige Ausstrahlung. Ich glaube, wir hätten gemeinsam viel Spaß gehabt.

Sie hat viel Leid in unser Leben gebracht, in das meiner Geschwister und das meinige. Aber irgendwie hat sie es auch geschafft, uns nicht kaputt zu machen. Viele Jahre haben wir uns – in alle Winde zerstreut – aus den Augen verloren und waren für uns unauffindbar. Aber seit sechs Jahren haben wir uns wieder und ich bin so dankbar darum. Wir sind eine tolle Truppe, stark und lustig und wo wir gemeinsam sind, da ist Humor und Ausstrahlung.

Ich bin heute nicht mehr zornig und auch nicht mehr mitlaufend traurig. Ich verstehe nur sehr vieles nicht und würde so gerne. Ich hoffe, dass sie wo immer sie ist und wo immer sie hingehen wird, Frieden finden wird. Denn irgendwann hat das jeder einmal verdient.

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590 Km. Oder: Der Feind in meinem Kopf

Letztes Jahr im Februar wusste ich nicht viel. Frisch nach der Trennung von meinem Mann war mein Alltag davon geprägt, mich überhaupt in diesem neuen Leben zurecht zu finden. Klar kommen und über Wasser bleiben, war die Devise. Ganz sicher wusste ich aber eins: Ich wollte einen Halbmarathon laufen. Bis September sollte es mehr als realistisch sein, meine Afterbaby-Kondition auf Halbmarathon-Niveau zu bringen. Ich war mir so sicher, dass ich meine zwanzig Jahre alten (relativ wenig genutzten) Laufschuhe in die Tonne warf und mir für den gefühlten Wert eines Kleinwagens neue leistete. Ach ja, und angemeldet habe ich mich für den Lauf auch. Verbindlich, versteht sich.

Mein erster Laufversuch überraschte mich selbst. Fast fünf Kilometer schaffte ich aus dem Stand heraus. Ich fand das großartig, nachdem ich quasi sieben Jahre lang nur dann gerannt war, wenn ich irgendeines der beiden Kinder einfangen wollte. Gut, schnell war ich nicht, es war eher so eine Art meditatives Fortbewegen, das ein wenig dynamischer wurde, wenn ich versuchte, einen Fußgänger zu überholen, aber hey, ich schaffte fünf Kilometer, quasi einen Achtelmarathon. Begeistert über meine Leistungsfähigkeit, joggte ich am nächsten Tag wieder los. Ich lief drei Kilometer, ignorierte den Schmerz in meinem linken Knöchel einen weiteren Kilometer, um anschließend vier Kilometer zurückzuhumpeln – direkt in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses.

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Ein Klassiker: Sehnenüberlastung. Ich beschloss, den Fuß vernünftig und ausreichend ausheilen zu lassen, meine Motivation gesellte sich derweil zu meinen Laufschuhen, die weit hinten im Schrank verschwanden. Anfang April startete ich einen neuen Versuch: sehr langsam und auch nur 2 km. Der Fuß hielt. Die Motivation leider nicht. Erst Ende Mai packte es mich wieder und ich starte erneut. Einen Monat lang lief ich regelmäßig und motiviert bis mir mein Fuß erneut einen Strich durch die Rechnung machte. Ich fand das nicht sonderlich witzig, dennoch dachte ich, „Ich bin es, die hier anschafft, nicht mein Körper.“ Vorsichtig, nicht hirnlos und auf meinen Fuß und Körper hörend startete ich Mitte Juli erneut. Bald schaffte ich das erste Mal acht Kilometer, ein wahnsinniges Gefühl, ich war sehr stolz. Auf mich, dass ich nicht aufgegeben hatte, aber auch darauf, dass mein Körper mitmachte. Ich entwickelte ein neues Bewusstsein dafür, wie gesund ich bin. Dass ich laufen konnte und durfte. Ja, dankbar war ich. Und deshalb wollte ich nichts riskieren und buchte meinen Halbmarathon um auf den 10km-Lauf. Es war ein schöner Lauf am 19. September, mitten im Chiemgau-Tal. Ich lief ihn gemütlich, hörte Musik und war unterm Laufen einfach glücklich. Als Relation: Zu dem Zeitpunkt brauchte ich für einen Kilometer 6 Minuten 40.

Eine Woche zuvor lief ich als „Laufperle“ den Womensrun in München mit. 8 km quer durch den Olympiapark. Gleich nach dem Start ließ ich mich mitreißen und sauste in einem Affenzahn los. Ein großer Fehler, der mir den gesamten Lauf im wahrsten Sinne des Wortes versau[er]te. Die acht Kilometer waren extrem hart, das Auf und Ab im Olympiapark tat sein übriges und es war eine Qual, überhaupt ins Ziel zu kommen. Im Nachhinein war das eine gute Erfahrung. Ich weiß nun, wie wichtig es ist, sich seine Kräfte gut einzuteilen. Wie notwendig es ist, Distanzen zu kennen und seine Grenzen und Kräfte einschätzen zu können. Es ist äußerst hilfreich, gut auf sich zu hören und in gutem Kontakt zu sich zu stehen. Mein Tempo zählt, nicht das der anderen. Überforderung vernichtet Energie. Das bedeutet im Sport manchmal, dass danach nichts mehr geht oder aber jeder weitere Schritt zur Qual wird. Das ist wie im echten Leben.

Ich trainierte weiter, arbeitete an meiner Geschwindigkeit, ignorierte erfolgreich den Winter und lernte ihn zu schätzen. Ein Jahr nach meinem ersten Lauf lief ich erstmals 15 Kilometer. Mein neues Ziel: Halbmarathon Waging Mitte April. Doch obwohl ich gut auf mich aufpasste erwischte mich eine Bronchitis. Ärgerlich. Waging musste ohne mich starten und so konzentrierte ich mich voll und ganz auf den Halbmarathon Salzburg am 1. Mai.

Die Vorbereitungszeit wurde knapp. Ich wollte je Woche einen Kilometer bis auf 19 km steigern, nun musste ich das Training ordentlich straffen und das Programm schneller durchziehen. 15 km, dann 17, nochmal 17, dann 19.

Salzburg, 1. Mai – es war soweit.

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Die Kurzfassung: Es war geil. In der Wettkampfsituation war ich mental extrem gut drauf. Ich lief die 21,1 Kilometer ohne Einbruch. Im Training hatte ich zwischen dem 7ten und 11ten Kilometer oft eine Schwäche und hatte etwas Sorgen deswegen. Unterm Laufen beschloss ich schlicht und ergreifend, dass ich das ignorieren würde. Das hat geklappt, es war ein Self-Fulfilling-Problem – wenn du glaubst, es wird schwierig – wird es schwierig. Das wurde mir unter dem Laufen klar.

Während des ganzen Laufs über standen Menschen am Wegesrand, die einem zujubelten. Kinder streckten am Wegesrand die Hand aus und ich lief hin und schlug ein. Eine Frau rief mir zu: „Super siehst du aus.“ „Super Leistung“ – hörte man auch immer wieder. Wie oft im Leben übersieht man diese Menschen am Wegesrand, die einem Mut machen, einem gute Wünsche auf den Weg geben, einen motivieren? Man kennt sie nicht, sieht sie nur Sekunden, aber während eines solchen Laufs sind sie Gold wert. Immer wieder rief ich ihnen „Danke“ zu. Ich applaudierte den Musikern und Trommlergruppen an der Laufstrecke, und die wiederum freuten sich.

Ab Kilometer 18 habe ich gemerkt, dass es jetzt wirklich schwierig wird. Ich zog in Erwägung, meine Geschwindigkeit zu drosseln und dann zum Ende hin nochmals richtig Gas zu geben. Doch dann entschied ich mich, das Tempo zu halten. Noch 18 Minuten, das würde ich packen. Die richtige Entscheidung. Ich änderte die Relation. Es waren keine drei Kilometer mehr, sondern nur noch 18 Minuten. Das war quasi nichts und diese gedankliche Neuorientierung hat mir viel Energie gegeben. Als ich über die letzte Brücke in den Stadtkern lief, musste ich vor lauter Rührung weinen.

Ein Jahr war vergangen und da war ich nun. Ich lief durch das wundervolle Salzburg und war mittendrin in meinem Ziel – mit einem Tempo von 6 Minuten pro Kilometer. Ein Jahr Training, ein Jahr Neuorientierung. Ich bin vielem davon gelaufen und vielem entgegen. Im Nachhinein hat mir dieser Halbmarathon Struktur gegeben in einer Zeit, in der alles unsicher war.  Schmerz körperlicher Art ist ein guter Ableiter für seelische Schmerzen.

590 km. Die bin ich im letzten Jahr gelaufen. Ich weiß jetzt, dass wenn ich mir ein Ziel setze, es auch erreiche – auch wenn es später ist. Ich weiß, dass mein größter Feind in meinem Kopf sitzt und dass ich stärker bin als er.

Das Wissen um die Distand kann hart sein.

5 km geschafft, ein Viertel, yeah.

Was?! Erst 9 km, da folgen noch 12 – bäh.

Wow! 18 km geschafft, nur noch 3.

Und dennoch ist das Wissen um die Distanz absolut hilfreich. Ich komme nicht gut damit klar, wenn ich nicht weiß, wie weit der Weg noch ist. Oder wenn sich der Weg unerwartet verlängert. Hier stimmen Training und meine Reaktionen im Leben absolut überein. Es ist eine gute Erkenntnis. Sie macht es nicht leichter, wenn mal wieder kein Ende in Sicht ist und ich schier verzweifle. Aber ich kann mit etwas mehr Nachsicht auf mich blicken.

Training macht einen nicht nur körperlich fit, sondern vor allem im Kopf. Durch das Training habe ich mich gut kennengelernt. Meine Stärken, aber auch meine schwachen Phasen. Ich wusste dadurch, dass diese vorbei gehen würde. Dieses Wissen macht ein Tief durchstehbar. „Es geht immer weiter“ – eine Gewissheit, die mich im Tiefsten meines Herzens in diesem Leben begleitet und die dort wie aber auch im Training viel wert ist.

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Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

 

„Über dich wird auch ziemlich viel geredet, hm?“

Es war keine wirkliche Frage, eher eine Feststellung. Eine wissende Feststellung und ich winkte nur müde ab. Mir gegenüber saßen zwei Mütter aus meinem ehemaligen Dorf und die Rede war von dem Umstand, dass meine beiden Kinder nach der Trennung von meinem Mann nun bei ihrem Papa leben. Eine Entscheidung, die wir getroffen haben, weil sie möglich war. Eine Entscheidung, die sowohl Vorteile wie Nachteile bringt. Meine Große fasste das mit ihren sieben Jahren mal ziemlich klug zusammen: „Es ist jetzt gut. Aber früher war es besser.“

Ich denke nach so einer Trennung gibt es keine Lösung, die für die Kinder so gut ist, wie vor der Trennung. Von dem Gedanken muss man sich verabschieden. Man kann versuchen, eine gute Lösung zu finden. Ich sage auch nicht, dass die aktuelle Lösung die beste ist. Es bleibt für die Kinder eine Lücke zurück, die auch da wäre, hätten wir den umgekehrten Weg gewählt.

Wenn ich uns in unserem kleinen Mikrokosmos betrachte, läuft es sehr gut. Wir haben unsere Termine für ein Jahr im Voraus geplant: Wann sind die Kinder bei wem, wer übernimmt wann die Ferien, wann gibt es berufliche Termine, …? Dazu schicken wir uns gegenseitig die Termine an unsere Kalender. Änderungen besprechen wir und richten sie nach unseren Möglichkeiten ein. Die Kinder wissen genau Bescheid, an welchen Tagen sie bei mir sind. Wir sind Eltern und wollen uns nicht um und über die Kinder streiten und mit Verlaub: Ich finde, wir bekommen das großartig hin. Wir klären keine vergangenen Beziehungsthemen mehr miteinander, wir basieren allein über die Elternschaft, die uns miteinander verbindet. Denn ganz ehrlich, wenn wir noch Beziehungsthemen miteinander klären müssten, dann hätten wir auch zusammenbleiben können. Finde ich.

Aber da sind die anderen. Die reden, verurteilen, sind neugierig, verstehen nicht, tuscheln, ätzen herum. Und obwohl ich mir vornahm, mir ein dickeres Fell anzuschaffen, beschäftigt mich das und geht nicht sang- und klanglos an mir vorbei. Dabei ist es nicht das Gerede an sich, das sind nur zusätzliche Tropfen auf dem ohnehin heißen Stein. Denn ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Das heißt aber nicht, dass ich schuldig bin. Ein schlechtes Gewissen eint wohl fast alle Eltern, egal ob zusammenlebend, getrennt oder wie auch immer. Wir versuchen immer das Beste für unsere Kinder zu geben und dabei selbst irgendwie auch nicht zu kurz zu kommen. Manchmal glaube ich, wir wollen viel zu viel für unsere Kinder, es soll perfekt laufen. Aber dieses Leben ist nun mal nicht perfekt. Es hat Höhen und Tiefen und auch unsere Kinder müssen hin und wieder durch welche hindurch. Das auszuhalten ist hart. Diese Tatsache als eigenes Versagen zu deuten, ist masochistisch. Und weil ich ständig mit mir selber kämpfe, tut Kritik von außen so weh.

Ich nehme an Kindergarten- und Schulfesten teil und fühle mich unwohl. Ich fühle mich beobachtet. Bei näherem Kontakt mit anderen Eltern stelle ich oft so eine Art Überraschung in ihrem Gesicht fest. Als würden sie verwundert wahrnehmen, dass ich keine Hörner auf dem Kopf habe, kein Monster, keine Außerirdische bin. „Die ist ja doch ganz okay“, meine ich des öfteren im Gesicht meines Gegenübers zu lesen.

Von 14 Tagen bin ich sechs Tage mit meinen Kindern zusammen. Ich richte die Kindergeburtstage aus, ich mache mit der Großen Hausaufgaben, ich telefoniere fast jeden Tag mit beiden, ich gehe mit ihnen einkaufen, fahre sie zu Freunden. Ich bin keine Freizeitmama, ich habe nach wie vor einen Erziehungsauftrag und bekomme deshalb auch das gesamte Gefühlspotpouri meiner Kinder ab.

Der Kontakt zu anderen Eltern stresst mich. Und der Plan, mir ein dickeres Fell anzuschaffen, ist mit Sicherheit kein schlechter. Daran arbeite ich noch.

„Die ist wieder zurück in die Stadt gezogen“, hörte ein Bekannter von mir vor kurzem. Er erklärte seinem Gegenüber, dass er es gut findet, wie wir das hinbekämen und dass das auf dem Niveau selten ist. Und er sah, dass seine Worte Wirkung zeigten, der zunächst leicht naserümpfende Gegenüber fing an zu nicken und nachzudenken.

Deshalb habe ich mir überlegt, mehr über unser Modell zu schreiben. Wie wir was regeln, wo es schwierig ist, was die Kinder brauchen und über was wir so reden. Ich weiß aufgrund meines Erstbeitrags zu diesem Thema, dass es viel mehr Familien gibt, die dieses rebellische Modell leben und ihnen will ich hier eine Stimme geben. Fast 150 Kommentare finden sich nun unter diesem Beitrag, dort finden schon Gespräche zwischen einzelnen Kommentatorinnen statt. Insgesamt wurde der Beitrag über 31.000 Mal geklickt, für meinen kleinen Blog ist das gigantisch. Fast täglich findet jemand zu meinem Blog, weil er in Google „wenn die Kinder beim Vater bleiben, Trennung“ eingegeben hat. Betroffene suchen im Netz und finden nur wenig. Kämpfen tun sie aber fast alle mit den äußeren und inneren Stimmen. Auch wenn sich das oft so anfühlt: Ich bin nicht allein. Und ihr seid es auch nicht.

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Aus: Brigitte MOM 02.2015

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Der Tod als Ratgeber

Als ich 14 Jahre alt war, trug ich jeden Mittwochnachmittag Zeitungen aus. Gefühlte 12 Jahre später (zwei, um genau zu sein) kaufte ich mir von dem kleinen Hungerlohn eine Stereoanlage. Eine, die den Namen Stereoanlage verdiente, nicht so ein kompaktes, mickriges Ding, nein, drei ordentliche Bausteine: ein Tuner, ein CD-Player und hoho – ein doppeltes Kassettendeck, das selbstständig! die Seiten wechseln konnte. Nicht nur von A nach B, sondern auch von B nach A – DAS waren noch Nutzererlebnisse, aber hallo.

Fortan lag ich – mit kleinen Unterbrechungen, die ich damit verbrachte, in die Schule zu gehen – auf dem Boden meines kleinen Zimmers, genau in der Mitte der zwei 1,50 Meter hohen Boxen und quälte meinen Bruder – nur getrennt durch eine dünne Rigipswand – mit meinem Hang zu den Cranberries und dem Lied Zombie mittels Repeat 1.

Ich lag da und tat nichts, ich hörte nur Musik. Ich war nicht besonders effizient dabei, ich schrieb währenddessen keine To-do-Listen in meinem Kopf und ich überlegte nicht, was ich morgen machen würde. Ich optimierte in meinem Kopf keine Prozesse. Ich reflektierte nicht meine Zwischenmenschlichkeiten oder mein Tagespensum. Nein: Ich hörte Musik.

Ich vermisse dieses Dasein im Hier. Heute bin ich hier, aber eigentlich dort.

Ich habe den Eindruck, Zeit ist die neue Währung, fast noch wichtiger als Geld. Geld beruhigt, wenn man genügend davon hat, um sich ein sorgenfreies Leben leisten zu können. Aber Geld hat keinen Anspruch auf Qualität, Zeit schon. Ich fange an, Bilanz zu ziehen, darüber, ob sich etwas lohnt, ob eine Unternehmung einen Benefit für mich hat, ob die investierte Zeit in etwas mich erfüllt, mich glücklich macht – zumindest irgendwie.

Und die Stunden, Tage, Wochen und Monate rinnen durch meine Finger und am Ende eines jeden Tages sind noch wahnsinnig viele unerfüllte Bedürfnisse und sehr viele fremdsteuernde Mechanismen übrig. Abends absorbiert die Müdigkeit sämtliche Energie mit dem Durchschreiten der Wohnungstüre, die Couch ist mein bester Freund, bis das Bett die besseren Argumente hat.

Das ist nun ein wenig bitter und dunkel gezeichnet, aber im Zeitraffer des Daumenkinos mit dem Titel Leben kommt das dem Ganzen schon ziemlich nah. Oft hetze ich durch die Tage, häufig fremdgesteuert und FREIzeiten stehle ich mir regelrecht, indem ich Dinge verschiebe und verschiebe, bis sie anfangen, mich zu quälen oder bis die Deadline auf Anschlag ist.

Was ist wirklich wichtig? Keine Frage, die man einmalig beantworten kann, sondern die sich immer wieder stellt. Gerade weil ich gefühlt kaum noch Zeit habe, bin ich nicht mehr bereit, diese zu verschwenden. Und so finde ich es nur konsequent, so eine Art Spar-Charakter zu entwickeln und mir zu überlegen: Wo genau liegen meine Prioritäten, was ist mir wichtig, was nicht, was ärgert mich und was kostet unnötig Zeit?

Was Sterbende bedauern

Vor zwei Jahren ging ein Zeitungsausschnitt durch die sozialen Medien, der auflistete, was laut einer Palliativpflegerin Sterbende bedauern.

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Ich sah diese Begeisterung damals relativ kritisch. Ich schrieb wörtlich: „Das kann man nicht mit einem vergleichen, der mitten im Leben steckt, nach vorne schaut und die Konsequenzen seines Handelns aushalten muss. Wenn wir es wirklich könnten, unser eigenes Leben zu leben, weniger zu arbeiten, anderen unsere Gefühle auszudrücken, Freundschaften aufrechtzuerhalten und glücklicher zu sein, dann würden wir es doch jetzt schon tun!“ Ich schrieb auch, dass ein Sterbender natürlich einen anderen Fokus hat, er blickt zurück und kann ganz anders beurteilen, als einer, der nicht weiß, wie sich sein Handeln auf seine Zukunft auswirken wird.

Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein

Vor zwei Jahren sagte ich meinem Hausarzt, ich bräuchte etwas gegen Nasennebenhöhlenentzündung, mein Gesicht würde sich komisch anfühlen, die eine Hälfte wäre taub. Er teilte meine Diagnose nicht und ein paar Tage später lag ich im MRT mit Verdacht auf MS. In so einer Röhre ist es nicht besonders spaßig. Während es um mich herum summte, klopfte und dröhnte, wusste ich, ich muss etwas ändern. Noch, dessen war ich mir sicher, war es nur Stress im Kopf. Und doch hatte es die Psychosomatik geschafft, mein Gesicht taub werden zu lassen. Wie lange würde es wohl dauern, bis ich wirklich krank würde?

Zu dem Zeitpunkt war ich nicht sonderlich glücklich, aber ich dachte, wenn ich mich nur mehr anstrengen würde, dann würden sich die Umstände zum Guten wenden. Ich habe gar nicht gemerkt, wie viel Anstrengung mich all das kostete, auch nicht, dass es das nicht wert ist. Bis zu dem Moment in der Röhre.

Wie oft im Leben kommt man schon an einer Weggabelung an, die top ausgeschildert ist, frei nach dem Motto „Wähle rechts für Unglück, links für Zufriedenheit“? Meistens geht man doch einfach so den Weg entlang und manchmal ist dieser eben und manchmal nimmt man wahr, dass der Untergrund recht holprig wird. Dann sinkt die Laune und würde sich ein neuer, glatt geteerter Weg auftun, würde man ihn vermutlich wählen. Aber wann ist das schon der Fall?

Sich zu erlauben, glücklicher zu sein oder sein eigenes Leben zu leben, erfordert eine Menge Mut. Das heißt manchmal, dass man den vorgegebenen Weg verlassen muss und fortan querfeldein geht. Vielleicht heißt das, einen Weg zu wählen, den bisher noch keiner gegangen ist, einen Weg, der nicht vorgegeben ist und den man zunächst selbst suchen muss. Offroad quasi. Manchmal muss man dazu ganz viel Anlauf nehmen – manchmal jahrelang.

Die Auflistung „Was Sterbende bedauern“ ist interessant, aber nicht wirklich hilfreich für dieses Leben in der Gegenwart, weil sie keine Lösungsansätze liefert. Wie lebt man sein eigenes Leben? Wie erlaubt man sich, glücklicher zu sein?

Der Tod als Ratgeber

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Wenn man das Leben plötzlich als limitierte Zeit wahrnimmt, bekommt auch die Gegenwart einen anderen Fokus. Natürlich wissen wir, dass wir eines Tages sterben werden. Aber bewusst ist uns das nicht wirklich. Deshalb sind wir auch so betroffen, wenn ein Mensch in unserem Umfeld viel zu früh verstirbt.

Auf Youtube begegnete mir vor kurzem das Video Pragmatische Esotherik. Ich empfehle das Video ab 1:34:00. Vera F. Birkenbihl beschreibt da die Lehre des Don Juan: „Den Tod als Ratgeber nehmen“.

Ja, ich gebe zu, das wirkt ein wenig dramatisch. Ich halte es für nicht sinnvoll, sein Leben so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte. Denn ganz ehrlich, dann würde ich nicht mehr in die Arbeit gehen. Betrachte ich das Ganze aber mal im Rahmen von drei Monaten oder sagen wir, einem Jahr, dann sieht das schon anders aus. Dann müsste ich alleine schon aus administrativen Gründen arbeiten gehen. Aber würde ich mich dann mit einem Job zufrieden geben, zu dem ich mich jeden Morgen hinquälen muss? Nähme ich es hin, dass man mich schlecht behandelt? Würde ich in einer Beziehung verbleiben, in der ich häufiger traurig als glücklich bin? Was, wenn ich nur noch drei Monate oder ein Jahr hier wäre? Ich denke, ich würde häufiger Nein sagen. Und auch häufiger Ja. Ich hätte viel öfter den Mut, Grenzen zu ziehen, egal was das am Ende für Konsequenzen hat.

„Wie sähe die Entscheidung aus, wenn …“ halte ich zukunftsgerichtet für einen guten Denkansatz/eine gute Entscheidungshilfe. Zumindest wird einem dadurch klar, was einem persönlich wichtig ist, wo man keine Zeit verschwenden möchte, worauf man sich konzentrieren will und wo man es rückblickend schade fänd, nicht gehandelt zu haben.

Apropos bereuen: Ich habe mich gefragt, welchen Einfluss dieses Denken auf mein Verhalten in den letzten Jahren gehabt hätte. Was, wenn ich Entscheidungen eher getroffen hätte? Was, wenn ich damals schon den Mut gehabt hätte, eine Ausbildung abzubrechen, die mir nicht gefallen hat? Wer wäre ich heute, wie würde ich leben? Ich habe diesen Gedanken wieder verworfen. Es gibt Situationen, in denen habe ich ganz lange verharrt und gelitten. Ich habe nicht gehandelt, auch wenn ich es nach vernünftigen Gesichtspunkten längst hätte tun sollen. Aber emotional war ich noch nicht so weit. Wenn man einen Missstand entdeckt hat, heißt das noch nicht, dass die Entscheidung dazu reif ist.

Jetzt merke ich, dass meine Entscheidungswege kürzer werden und dass ich immer weniger darauf angewiesen bin, dass der Weg ausgeschildert und schon geebnet ist. Ich weiß es nicht, vielleicht ist es die Erfahrung, dass offroad manchmal auch sein Gutes hat. Vielleicht ist es aber auch das #älterwerden.

 

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Bauchgefühl

Vor 12 Jahren saß ich im Steuerbüro meines ehemaligen Chefs, blickte auf das Stellenangebot meines jetzigen Arbeitgebers und wusste: Da werde ich arbeiten. Das klingt total blöd, aber ich war mir sicher, da war kein Zweifel. Null. Innerhalb von wenigen Tagen stellte ich meine Bewerbung auf die Beine. Vor 12 Jahren war es revolutionär, wenn man eine! PDF-Bewerbung einreichte. Also nicht viele Einzeldateien, sondern eine gebündelte Bewerbung, die sowohl Anschreiben, Lebenslauf wie auch alle Zeugnisse und Beurteilungen enthielt. Meine E-Mail ging um 21 Uhr raus, bereits nach 12 Stunden hatte ich die Antwort, ich solle mich melden. BÄMM! Keine vier Monate später ließ ich mein ganzes kleines Leben in NRW hinter mir und zog 730 Kilometer nach Bayern. Ich habe die Entscheidung nie bereut, mein Gefühl beim Blick auf die Stellenanzeige war richtig.

Vor 12 Jahren wollte ich keine Kinder. Wie man hier immer wieder lesen kann, war meine eigene Kindheit eine ziemliche Herausforderung und ich wollte unter gar keinen Umständen selber welche in diese Welt setzen. Überraschenderweise kam aber der Tag, an dem ich spürte, dass ich mir von ganzem Herzen Kinder wünsche. Beide Kinder sind mit einem riesigen Willkommen hier auf dieser Welt gelandet, das war mir sehr sehr wichtig, nachdem ich selbst ja nur ein Unfall war und man mir das auch unbedingt mitteilen musste.

Das sind nur zwei Beispiele dafür, wo ich ein eindeutiges Bauchgefühl zu etwas hatte und  diesem folgte, ohne das mit meinem Verstand nächtelang durchzudiskutieren. Ich stelle fest, dass mir diese Leichtigkeit verloren geht. Irgendwie geht das nicht mehr. Liegt es daran, dass ich mehr Verantwortung habe, dass ich nicht mehr nur für mich alleine entscheide? Wobei, manche Entscheidungen betreffen tatsächlich nur mich allein. Vielleicht ist es diese maximale Ablenkung, der wir alle unterliegen? Überall Input, überall Anspruch – höher, schneller, besser, der Druck ist immens.

Ich habe vor sechs Monaten die Entscheidung getroffen, nochmal die Schulbank zu drücken und spürte während der Ausübung einen wahnsinnigen Leidensdruck. Ich bin so erzogen worden, dass man durchzieht, was man anfängt, aber das milderte meinen Zustand auch nicht wirklich. Als ich eine Kollegin bat, mich mit ihren NLP-Kenntnissen zu coachen, fragte sie mich, was mir mein Bauch sagt und ich antworte spontan: Nee. Damit war die Entscheidung klar, ich musste das beenden, es war nichts für mich. Einigermaßen aufgeräumt verließ ich das Gespräch. Doch dann ging es los: Man führt zu Ende, was man anfängt. Was sollen meine Arbeitskollegen/meine Familie/meine Freunde von mir denken? Das ganze Geld, was ich schon investiert habe. Aber hey, vor Jahren habe ich etwas durchgezogen, was mich überhaupt nicht weitergebracht hat. Und wenn es doch sinnvoll wäre, dieses Studium? Was, wenn der Abbruch ein riesengroßer Fehler ist? Darf ich das? Wer erlaubt hier eigentlich wem was? Und so weiter… Und obwohl ich die Entscheidung getroffen habe, fällt sie mir immer noch schwer. Ich habe das Gefühl, gescheitert zu sein. Und das Thema wiederholt sich, denn bezüglich meiner nicht mehr vorhandenen Ehe habe ich dieses unverzeihliche Gefühl auch. Und mir scheint, das bedroht meine Glaubwürdigkeit mir selbst gegenüber. Ich traue mir nicht mehr.

Dabei ist es möglicherweise völlig natürlich, dass man innerhalb von 38 Jahren einmal irrt. Wie sollte das auch sonst funktionieren? In Deutschland haben wir keine Kultur des Scheiterns. Was in Amerika zu einer guten Erfahrung gehört, ist hier immer noch verpönt. In Deutschland scheitert ein erfolgreicher Mensch nicht. Schublade auf, Loser rein, Schublade zu.

Ich will dieses Bauchgefühl wiederhaben. Ich will nicht mehr grübeln, nicht mehr zweifeln, ich will experimentieren, dieses Leben in seiner gesamten Bandbreite genießen und manchmal einfach locker mit den Schultern zucken und sagen: Mist, das war jetzt wohl nix.

Wenn da nur nicht dieser 38-jährige Verstand mit all seinen Erfahrungen wäre, der so furchtbar laut ist.

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Grenzen

„Guck mal, ist das nicht eine Unverschämtheit?“

Ich blickte auf die  Videotextseite und verstand nicht. „Was ist denn daran unverschämt?“, fragte ich ihn. „Na hier, die Seite ist auf Türkisch. Schlimm genug, dass die hier leben, jetzt bekommen die auch noch eine eigene Videotextseite, die können doch wirklich deutsch lernen!“

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Ich sah ihn fassungslos an. „Sag‘ mal, bist du doof? Was genau nimmt dir diese eine Videotextseite jetzt weg? Fehlt dir eine? Fehlt dir Information? Vermisst du was?“ Wir stritten hin und her und er wurde immer wütender. Ich war 20, das war vor 18 Jahren, wohnte mit meinem Freund zusammen und es war durchwachsen. Aber das hier kannte ich nicht.

Der Streit nahm ein neues Niveau an, als ich zu ihm sagte, dass wenn er politisch so interessiert sei (ironisch), ich nicht verstehe, dass er die letzte Wahl geschwänzt hätte. Er stand auf und fragte drohend: „Willst du ein paar rein haben?“

Stille. Im Raum, aber auch in mir. Ich war gerade am Bügeln, atmete tief durch, riss das Bügeleisen aus der Wand und knallte es auf das Bügelbrett. „Das! Machst du nur einmal, ich schwör’s dir.“

Ich verließ die Wohnung, rauchte gefühlt eine Schachtel und zog zwei Wochen später aus.

Mir geht diese Geschichte im Kopf rum, weil ich vor ein paar Tagen eine Diskussion hatte, die mich etwas aufwühlt. Es war in einer größeren Runde und wir unterhielten uns darüber, wie man mit „Freunden“ auf Facebook umgeht, die fragwürdige Inhalte teilen, die rechtsradikale Gesinnung vermuten lassen. Ich rede hier nicht von eindeutigen Inhalten, sondern von Artikeln, die „kritisch“ sein sollen, die schon meinungsmachend sind, aber das ist schwierig, was genau ist es denn nicht? Nun, ich erzählte auf jeden Fall von meinen Zweifeln, wie ich mit mir sehr nahen Menschen auf Facebook umgehen soll, wenn Sie Dinge teilen, liken oder kommentieren, die mich den Kopf schütteln lassen. Aber ich bekomme mit, dass Zeug geliked wird, das ich für hetzend halte und weiß nicht, ob ich darauf reagieren soll oder sogar auf Beziehungsebene Konsequenzen ziehen muss. Das alles war Teil unseres Gesprächs. Die Tonus war klar: Man muss kommentieren und ächten und reagieren und wer das nicht tut, steht auf einer Ebene mit den Menschen, die damals bei Hitler weggeschaut haben. Das ist hart zusammengefasst und sicherlich ein überspitzter gefühlter Eindruck dieses Gesprächs.

Ich würde jede Familienfeier sprengen, wenn Sie braunes Bullshit-Niveau annähme. Ohne Rücksicht auf Verluste. Im persönlichen Kontakt würde ich Grenzen ziehen und habe das auch schon getan. Aber in sozialen Netzwerken? Wo ich eventuell den Usern unterstellen muss, dass sie nur die Überschrift gelesen haben, aber nicht den Artikel? Dass, obwohl Akademiker, der unter Generalverdacht der Klugheit steht, etwas teilt, von dem er nur sehr wenig Ahnung hat? Liegt es wirklich in meiner Verantwortung, hier den Anfängen zu wehren? Ich weiß nur, ich will keine Mittäterin sein, ich will nicht wegschauen, aber ich führe viral keinen Krieg, der auf den Straßen passiert. Ich kläre meine Kinder auf, rede mit ihnen über die aktuelle Thematik, bringe ihnen aber auch generell bei, ihre eigene Meinung zu haben und die der anderen zu hinterfragen. Sie sollen selber denken, es dürfen und es äußern. Ich unterbinde jedes Gespräch, das Menschen herabsetzt, egal welche. Ich distanziere mich dann auch. Aber muss ich mich in eine Ecke stellen lassen, wenn ich das viral nicht tue?

Zurück zur Ausgangssituation:

Habe ich die Welt durch mein Handeln besser gemacht? Meine mit Sicherheit. Aber habe ich ihn zum Nachdenken gebracht? Ich glaube nein. Er war ein Depp und er war viel zu sehr in seiner Aggression gefangen, als dass ich ihn erreicht hätte. Ich will nicht sagen, dass das alles nichts gebracht hätte. Aber ich wehre mich gegen diesen Anspruch, Menschen umkehren oder erziehen zu können. Grenzen setzen, zu mir, zu meinem Leben, zu dem, was da draußen ganz offensichtlich falsch läuft: ja! Aber nicht mit der Zielsetzung, meinen Gegenüber umzukehren. Das ist schön, wenn es passiert, aber das eigentliche Ziel ist doch die Augen aufzuhalten und sich nicht assimilieren zu lassen, so metaphorisch das jetzt klingen mag. Zeichen setzen. Stellung beziehen. Stand halten.

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Die Liebe verlangt zu viel vom Menschen

„Die mythische Liebe verlangt zu viel vom Menschen. Ein unabhängiges Individuum muss sich vor der großen romantischen Liebe schützen.“

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Was hat mich dieser Satz angesprungen, der im Artikel über die israelische Autorin Zeruya Shalev zitiert wurde. Ach was – angeschrien hat er mich.

Warum sollte man den Menschen vor der romantischen Liebe schützen? Weil eine solche Liebe ein Widerspruch zu dem Grundbedürfnis nach Unabhängigkeit darstellt? Weil jede Form der Liebe bedeutet, sich verletzbar zu machen? Oder weil sie schlicht und ergreifend einschränkt, in meinem Tun, in meiner Entwicklung, in meinem Sein?

Nach einer gescheiterten Ehe bin ich nun tatsächlich – rein administrativ gesehen – unabhängig, zeitlich und finanziell. Aber emotional?

Ich habe Federn gelassen und ein paar meiner Erfahrungen haben sich in fragwürdige Glaubenssätze verwandelt, das ist mir klar geworden. Einige Erfahrungen haben mich stark gemacht und andere lassen mich vorsichtig sein, manchmal zu sehr. Es mag klug sein, sich nicht töricht wie ein Lemming von einer emotionalen Klippe zu stürzen, aber es ist auch unschön, wenn man eine Geißel der eigenen Erfahrungen ist.

Ich denke, früher oder später entwickelt jeder Nöte, Ängste und Bedürfnisse und läuft emotional hungrig oder suchend in diesem Leben umher und glaubt, in der Liebe – oder das, was er dafür hält – zu finden, was er so dringend sucht. Ja, ich weiß, das war jetzt nicht sonderlich romantisch.

Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass es nach wie vor unklar ist, warum wir uns in jemanden verlieben. Das passiert ja nun wahrlich nicht bewusst, frei nach dem Motto „uh, er ist es, der all meine Verletzungen heilen wird, die mein selten anwesender cholerischer Vater hinterlassen hat, den liebe ich jetzt“.

Wir wollen Liebe als etwas wahrnehmen, das selbstlos ist, das gibt, ohne nehmen zu wollen und ich weiß, dass es diese Lieben zwischen Eltern und Kindern gibt und um diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Aber unter Erwachsenen? Ist es nicht immer so, dass bewusst oder unbewusst Erwartung mitschwingt?

Entwertet Erwartung die Liebe? Das habe ich mich lange Zeit gefragt. Aber vielleicht darf man Liebe einfach nicht mit Beziehung verwechseln. Ist es nicht eher so, dass wir zu viel von der mythischen Liebe erwarten, nicht umgekehrt?

„Lieben ist der letzte und größte, immerwährende Traum. Das ist auch der Traum von einem Liebesverhältnis, das bleibt, das belastbar ist, das sich immer weiter entfaltet, das Wachstum beinhaltet und an kein Ende kommt, das sich keine Grenzen setzt. In dem der eine der Selbstentfaltung des anderen nützt und sie nicht einschränkt.“

Wenn man es so definiert wie der vor kurzem verstorbene Roger Willemsen dürfte es die eigene Unabhängigkeit nicht in Gefahr bringen. Ich finde das sehr erstrebenswert.

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Keine Zeit für Glück.

Am Montag bekam ich ein Buch geschenkt, über das ich mich sehr gefreut habe und das mich sehr neugierig macht. Aber mein einziger Gedanke war: „Dazu habe ich keine Zeit. Wann soll ich das nur lesen?“

Ich bin zweifache Mutter, ich arbeite 32 Stunden, ich trainiere auf einen Halbmarathon und ich nehme seit Oktober an einem berufsbegleitenden Praxisstudium zum Fachwirt für Marketing teil. Dazu pendel ich zwei Mal in der Woche 70 km – einfache Entfernung. Neben den zwei bis dreimal wöchentlichen Fahrten für meine Kinder, weil der Vater und ich in Trennung leben, das sind nochmals in der Woche 160 km, d. h. in Summe 440 km, die ich im Auto verbringe. Wöchentlich.

Ich bin per se kein Mensch, der Dinge sofort erledigt. Ich schiebe Unangenehmes gerne auf, aber in der letzten Zeit hat das ein Ausmaß angenommen, unter dem ich sehr leide. Ich stehle mir die Zeit, die ich eigentlich nicht habe und verschiebe auf morgen und auf übermorgen und auf nächste Woche. Ich bekomme immer alles hin, ich habe bisher selten etwas richtig versemmelt, aber die Zeit zwischen Aufgabenstellung und Erledigung, in der leide ich und ich kann insgeheim nichts wirklich genießen, weil ich dauerhaft unter Druck stehe.

Die ganze Zeit dachte ich, ich muss mich nur mehr anstrengen. In meinem Kopf war das schon alles durchgetaktet. Wenn ich um fünf Uhr aufstehe, dann kann ich morgens lernen oder joggen, den Haushalt erledigen, Wäsche machen, aufräumen, die Welt retten oder was eben noch so ansteht. Ich kann lernen, während ich jogge, wenn ich mir meine Lerninhalte diktiere und als MP3 anhöre. Oder ich sitze eh über sechs Stunden in der Woche im Auto, da kann ich auch lernen. Sport mache in der Mittagspause, das ist höchst effizient. Die Zeit mit meinen Kindern ist natürlich für sämtliche Erledigungen außerhalb von primären Haushaltstätigkeiten wie spülen (ich habe keine Spülmaschine) tabu, die verbringe ich lieber mit ihnen, schließlich brauchen sie als Trennungskinder unbedingt ganz besonders hochwertige Qualitätszeit. Und sieben Stunden Schlaf sind zwar optimal, aber sechs gehen zur Not auch. Ach, und das Bloggen, ja das hat mir Spaß gemacht, aber mei, diese Selbstdarstellung, das wurde eh so kritisiert, ja, es fehlt mir und der Zuspruch gibt mir recht, aber nun, irgendeinen Preis muss man eben zahlen.

Moment. Wofür eigentlich? STOPP.

Ich lerne gern. Ich erfahre gerne Dinge, ich bin gerne schlau. Ich liebe es, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Mir ist der Sport wichtig, er tut mir und den dunklen Zeiten in mir gut. Ich verbringe gerne Zeit mit meinen Freunden, aber huch … das ist auch schon länger her.

Was ist wichtig?

Was ist mir wichtig?

Im letzten Jahr habe ich hier im Blog die Frage aufgeworfen: „Was ist Glück“ und ich wollte mich auf die Suche machen und viele Dinge ausprobieren. Das habe ich auch. Yoga war mir zu ruhig, ich brauchte mehr Power. Das habe ich im Sport beim Crossfit gefunden und im Laufen. Aber ich dachte auch an Gesundheit, Seelenarbeit, Bloggen, Meditieren, Wellness, Stille, Wünsche, Lesen, Gefühle, Freunde, Reisen, Beauty, Verrücktes.

All das habe ich unterm Jahr vergessen, als ich drohte, abzurutschen in eine Dunkelheit, aus der ich so schnell nicht wieder aufgetaucht wäre. Es gab da diesen Moment, wo ich entschied: „Ich muss mir meinen Alltag zuknallen, ich denke zu viel nach und das tut mir nicht gut.“ Und ich muss sagen, das habe ich erfolgreich geschafft.

Das war eine gute Entscheidung. Für den damaligen Zeitpunkt, als es wichtig war, mit der Trennung klar zu kommen. Mit der von meinem Mann, aber vor allem mit der Trennung von meinen Kindern, die nun bei ihrem Papa leben. Ich bereue die Entscheidung nicht und es gibt sowohl Gründe dafür, dass wir so entschieden haben, wie wir es getan haben als auch dagegen. Es war ein Kompromiss und das wird es immer bleiben. Genauso wie wenn die Kinder bei mir leben würden. Denn diese so sehr ersehnte Familie nicht leben zu können, das schmerzt uns glaube ich alle. Mich und ich weiss auch die Kinder. Meine Große (6) formuliert es vor kurzem so: „Es ist jetzt gut. Aber vorher war es besser.“ Mit den Reaktionen der Umgebung klar zu kommen ist das eine – mit denen, die meinen etwas zur Trennung sagen zu müssen oder mit denen, die mich dafür verurteilen, wie wir nun unser Familienmodell leben. Aber mit dem Schmerz der Kinder klar zu kommen, ist etwas anderes. Und nein, es geht hier nicht darum, dass ich als Mutter ausgezogen bin. Wenn sie längere Zeit bei mir sind, dann vermissen sie auch ihren Papa. So oder so, auch sie müssen aushalten, dass das Leben nun mal kein Ponyhof ist. Und das ist auch okay so. Ich weiß nicht, warum man als Eltern nicht mehr ein normales Leben führen darf. Eines, indem man arbeitet – egal ob als Mann oder Frau, eines, indem Trennungen passieren, eines, indem man mal nach fünf Tagen durchwachsenen Nächten keine Nerven mehr hat, eines, indem mal als Mutter grundsätzlich Täterin ist, aber niemals mehr nur Mensch.

Aber zurück zu meinem kleinen Zeitproblem und zu der Frage, was ist eigentlich Glück?

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„Ich wünschte mir, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein!“. Das ist etwas, was Sterbende bedauern. Und ich habe vor zwei Jahren dieses oft geteilte Thema kritisiert und sehe es immer noch gespalten aufgrund der unterschiedlichen Perspektive. Dennoch: Das nicht Erlauben, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wegen meines stetig steigenden Leidensdrucks aufgrund mangelnder Zeit habe ich nun – fast – die Entscheidung getroffen, die Fachwirtsausbildung vorzeitig zu beenden. Ich hadere noch damit, weil ich es als Scheitern betrachte, aber daran arbeite ich. Ich bin Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalterin, ich bin bereits gut ausgebildet. Und selbst wenn nicht, wäre es egal. Was ist wirklich wichtig für mich? Zeit mit denen zu verbringen, die ich liebe und das zu tun, was mir schlicht und ergreifend Freude bereitet.

Schon als ich 14 war, habe ich den Sinn des Lebens gesucht und ich schrieb nach langer dunkler Zeit in mein Tagebuch: „Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Und die Liebe.“

Lange Zeit habe ich das mit romantischer Liebe verwechselt. Ich glaube, ich hatte damals schon recht, es aber falsch gedeutet. Es geht nicht um Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen, die beschlossen haben, ein Paar zu sein. Nein, ich denke, es geht um Liebe zu diesem Leben, zu sich selbst, zu dem, was man tut, Zeit zu verbringen, mit denen die man liebt, aber vor allem mit sich selbst. Zeit haben. Zeit damit zu verbringen, was man mag. Ja, ich glaube, das ist Glück. Eigentlich ist es so einfach.

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Eigene Gefühle – wie viel davon den Kindern zumuten?

Als Kind dachte ich immer: „Wenn ich endlich erwachsen bin, dann habe ich keine Probleme mehr.“ Das ist sicher ein ungewöhnlicher Gedanke für ein Kind, tun wir heute mehr den je dafür, dass unsere Kinder möglichst unbeschwert aufwachsen und gelingt das häufig auch. Kinder leben in ihrer eigenen Welt und haben ein völlig anderes Problembewusstsein als wir Erwachsene. Aber ich mit meiner eigenen kleinen Vergangenheit hatte schon als Kind und im besonderen als Pubertierende mit vielen eigenen Geistern zu kämpfen.

Gerade las ich im Blog von Mama arbeitet, wie sich Christine die Frage stellt, wie viel Trauer oder Zerrissenheit sie ihren Kindern zumuten darf und kann oder vielleicht sogar sollte. Beim Lesen des Beitrags hatte ich viele Gedanken dazu, die mich in der Vergangenheit schon oft beschäftigt haben.

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Warum fand ich es so erstrebenswert, erwachsen zu werden und damit einhergehend keine Probleme mehr zu haben? Was ich rückblickend sehr gut finde: Meine Pflegeeltern waren immer eine starke Basis. Sie haben ihr Leben stabil gelebt und es gab für uns Kinder offensichtlich keine Probleme in ihrer Welt. Es war sehr sehr selten, dass meine Mutter einmal weinte oder sollte ich sagen, dass wir es mitbekamen? Natürlich gab es Streit bei uns. In einer Patchwork-Familie, wie es die unsere war, bleibt das wohl kaum aus. Aber wir stritten nicht, wir „diskutierten“. Das machte mich als Kind schon wahnsinnig, denn natürlich spürte ich sehr wohl, dass der Zorn und was sonst noch so alles in diesen „Diskussionen“ mitschwang, durchaus handfesten Streit-Charakter hatte.

Ich glaube, ich war schon 24 Jahre alt als mir zum ersten Mal der Gedanke kam, dass das Erwachsensein eben nicht davon geprägt ist, glücksbeseelt und problemgeheilt durch die Welt zu laufen und dass Erwachsene durchaus mit ihren Geistern lebten. Ich fragte meine Mutter, ob das wahr sei. Ich war mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht eine besonders Spezies von Mensch war, einer, der es einfach nicht hinbekam. Sie antwortete ehrlich, nämlich, dass sie durchaus auch ihre Gedanken hatten, die sie wälzte und gewälzt hatte.

Ich glaube, mir als Kind, als besonderes Kind, nämlich eines, mit schon unheimlich viel Vergangenheit, hätte es gut getan, zu erfahren, dass es normal ist, Herausforderungen zu begegnen, sich ihnen zu stellen und diese schlussendlich zu bewältigen. Mir hätte es auch gut getan, zu wissen, dass Streit normal ist, auch wichtig und dass man danach zusammen! wieder weitermachen kann. Es ist noch heute so, dass ich Konfliktsituationen mit mir nahen Personen unerträglich finde, was gleich mehrere Gründe hat und es wäre ungerecht, es nur der damaligen „Diskussions“-Kultur anzulasten. Dennoch, für mich wäre es sicherlich heilsam gewesen.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die mir eine Bekannte erzählte und die ich schon einmal in diesem Blog wiedergab. Trotzdem, ich möchte sie noch einmal erzählen.

Meine Bekannte besuchte mit ihrer kleinen Tochter die Oma. Sie ging nebenan in die Küche und hörte, wie die Oma zur Enkelin sagte: “…dann hat die Oma dich nicht mehr lieb!” Sie wurde stocksteif, viel zu oft hatte sie diesen Satz schon selbst gehört und er schmerzte noch immer. Während sie noch in der Küche verharrte und mit sich rang, ob sie zu ihrer Tochter gehen soll, um sie vor größerem Schaden zu bewahren, hörte sie, wie ihre Tochter entgegnete: “Ach Oma, das glaube ich dir nicht!” Und sie stand da und ihr fiel es wie Schuppen vor die Augen: “War ich blöd! Ich habe es geglaubt!”

Was ich damit sagen will: Jedes Kind ist anders, jedes Kind hat andere Bedürfnisse und jedes Kind hat – auch in derselben Familie – eine andere Geschichte. Der Erstgeborene ist anders als das jüngere Geschwister und was dem einen Kind gut täte muss nicht zwangsläufig auch für das andere Kind gut sein.

Ich glaube, meine (Pflege-)Geschwister haben diese Stabilität, die meine Eltern ausstrahlten durchaus zu schätzen gewusst und auch ich zehre noch heute davon. Es ist etwas, dass ich versuche, auch für meine Funktion als Mutter umzusetzen. Aber: Es gibt auch Momente, die sind schwer, die kann man nicht kleinreden. Ich glaube, die besondere Herausforderung besteht darin, seinen Kindern mitzuteilen, dass man „daneben“ hängt, ohne ihnen die eigenen Probleme aufzuladen, ohne ihnen damit Verantwortung zu übergeben. Kinder neigen dazu, sich um ihre Eltern kümmern zu wollen. Meine Kinder sind noch klein mit ihren sechs und vier Jahren. Aber Fragen, die sie stellen, die beantworte ich ihnen. Erst sehr sehr rudimentär und auf weiterer Nachfrage dann vielleicht etwas genauer. „Bist du auch manchmal traurig?“ Ein Ja reicht da manchmal schon. Nicht mir, sondern ihnen. Ich denke, einer 13-jährigen, die einen skeptisch und fragend ansieht, kann man eventuell schon mehr Information geben oder nachhaken, ob sie Fragen hat. Aber es gibt nicht die eine Lösung. Vielleicht ist es gerade für diese Tochter wichtig zu wissen, dass bei den Eltern alles gut ist, vielleicht mag sie diese „Illusion“ auch. Ich denke, reflektierte, wachsame Eltern fühlen richtig, sie wissen, was richtig ist.

Meine Tochter fragte mich vor längerer Zeit, ob mich meine große Schwester auch genervt habe, so wie sie sich oft von ihrer kleinen Schwester genervt fühlt. Ich sah sie an und konnte einfach nicht nur ja sagen und antwortet wahrheitsgemäß, dass wir nicht gemeinsam aufgewachsen sind. Sie fragte warum und hier konnte ich nicht mehr erklären. Ich wollte ihr kleines Familienweltbild nicht zerstören und konnte auch nicht so richtig einschätzen, welche Ängste es eventuell bei ihr auslösen würde. Dennoch: sie fängt an, weitere Fragen zu stellen, sie fragt, wie ich früher geheißen habe und wie die Oma mit Nachnamen heißt und zwangsläufig stößt sie auf den Umstand, dass mein Mädchenname ein anderer ist wie der meiner Pflegefamilie. Ich will nicht lügen und bisher konnte ich die Fragen so einigermaßen elegant umschiffen ohne mit der Wahrheit rauszurücken. Aber sie forscht und fragt und ich glaube ganz tief in ihr drin spürt sie sehr wohl, dass ihre Mama eine Geschichte hat.

Es tut weh, seinen Kindern dabei zuzuschauen, wie sie erkennen, dass diese Welt ihre Macken hat und ich für mich stelle einen großen Widerstand fest, sie damit konfrontieren zu wollen. Aber sie gehen da hinaus in diese Welt und vieles liegt nicht mehr in unserer Macht. Sie werden ihre Erfahrungen machen und auch sie werden ihre Herausforderungen meistern müssen. Ohne uns oder mit uns. Und irgendwie fänd ich es schön, wenn sie wüssten: Die Mama oder der Papa, die kennen das, die waren auch schon mal dort, wo ich jetzt bin. Da kann ich hin.

Aber wie genau das funktioniert, das weiß ich nicht so genau und oft denke ich, wir wachsen gemeinsam – meine Kinder und ich.

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